Praktikum an der Deutschen Botschaft

Botschafter Walter Johannes Lindner – „der etwas andere Botschafter“ oder „der coolste Diplomat“, wie ihn die Frankfurter Rundschau einst bezeichnete – hat bereits einiges erlebt. Sein Musik- und Jura Studium finanzierte er zunächst als Taxifahrer in München. Ab 1992 arbeitete er als Pressereferent an der Botschaft in Ankara, ab 1998 im Botschaftsrat bei den Vereinten Nationen in New York und im Anschluss als Sprecher des Auswärtigen Amts unter Joschka Fischer. Zwischen 2006 und 2014 besetzte er den Botschafter-Posten in Kenia und Venezuela und wurde im Anschluss Ebola-Beauftragter der Bundesregierung. Seit 2015 ist Walter Lindner der Deutsche Botschafter in Südafrika – und ab heute für die nächsten drei Monate mein Chef.

Walter Lindner ist in der Tat ein etwas anderer Botschafter. Seine langen, zum Pferdeschwanz gebundenen Haare erinnern eher an einen leidenschaftlichen Jazz-Spieler, was allerdings damit einhergeht, dass er ein begnadeter Musiker ist. In seiner Residenz –  so heißt der Wohnsitz eines Botschafters, die Botschaft selbst wird als „Kanzlei“ bezeichnet – im Diplomatenviertel Pretorias steht sein eigenes Tonstudio, er beherrscht mehrere Musikinstrumente und hat bereits einige CDs veröffentlicht. Sein Botschafter-Dasein würde er vermutlich für die Musik an den Nagel hängen. Bewusst gehe er auch auf die Menschen in den Slums zu, normalerweise ohne Personenschutz, um „mit ihnen auf Augenhöhe zu reden“. Redenschreiber, wie sie heut zu Tage jeder Politiker hat, gibt es in der Deutschen Botschaft nicht. „Lieber Frei-Reden und sich nur an ein Drittel seiner Notizen erinnern als eine gesamte Rede abzulesen, der Glaubwürdigkeit wegen“. Auch uns Praktikanten begegnet er anders als jene seiner Kollegen, die sich in der Regel bewusst innerhalb ihrer diplomatischen Kreise „verstecken“.

Grob gesagt besteht die Aufgabe der Botschaft auf der einen Seite darin, das Auswärtige Amt in Berlin über Geschehnisse und aktuelle Entwicklungen in Südafrika auf dem Laufenden zu halten: Beachtet werden Bereiche in Wirtschaft, Kultur, Politik oder Militär, aber auch im Bezug auf Ernährung, Landwirtschaft, Klima und Umwelt. Auch die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit (EZ) wird von Vertretern des Entwicklungsministeriums vor Ort koordiniert. Auf der anderen Seite repräsentiert der Botschafter ebenso das Staatsoberhaupt und die Interessen seines Heimatlandes gegenüber Regierungs- und Oppositionsparteien und Organisationen im Partnerland und sorgt dafür, dass die zwischenstaatlichen Beziehungen gepflegt und weiterentwickelt werden.


An meinem ersten Tag am Montag bat mich der Botschafter in sein Büro und erkundigte sich nach meinem Studium und meinen Plänen für die Zukunft. „Wenn Sie irgendetwas brauchen oder Fragen haben wenden Sie sich gerne an mich“, wie untypisch für einen Botschafter! Generell ist die Arbeitsatmosphäre in der mit 95 Beschäftigten (Deutsche Diplomaten und Sachbearbeiter, zudem Südafrikaner als Handwerker, Gärtner, Sicherheitspersonal oder Fahrer) Deutschen Botschaft in Pretoria sehr freundschaftlich und angenehm. Referendare, Praktikanten, Diplomaten, Abteilungsleiter duzen sich, lediglich Walter Lindner wird gesiezt.

Am Dienstag lud uns Lindner zum Praktikantenfrühstück in seine Residenz, wo regelmäßig verschiedene Delegationen, Minister und Politiker empfangen werden. Nach Namenslisten-Abgleich und Sicherheitscheck passierten wir am Morgen die stark gesicherte Schleuse und durchquerten den irrsinnig großen Vorgarten des Grundstücks, wobei das Wort „Park“ definitiv besser angebracht wäre. Nach Empfang und Begrüßung durch den Buttler übernahm der Botschafter dann selbst die Hausführung. Am fürstlich gedeckten Tisch, mit dem Bundesadler auf dem Silberbesteck, berichtete Walter Lindner über seine Lebensgeschichte, beantworte zahlreiche Fragen und gab uns einige Tipps für die Zukunft mit auf den Weg.

Mein Praktikum findet im Referat für Wirtschaft statt, das gleichzeitig für den Energiesektor und das Nuklearprogramm zuständig ist. Genauere Projekte und Arbeitsgebiete werden sich in der nächsten Zeit ergeben. Der zweite Quartalsbericht zu Südafrikas Wirtschaft muss erstellt werden (Entwicklungen in Handelsbilanz, Bergbau-Industrie, Auto-Export, Tourismus-Sektor, BIP etc). In den Drakensbergen bei Lesotho wurde im Hinblick auf das „Grüne-Energie-Projekt“ ein riesiger Staudamm gebaut, der mit 75 Mio. Euro aus Mitteln deutscher Entwicklungszusammenarbeit (KfW, Siemens uvm.) erbaut wurde. Dieses Projekt werden wir besuchen und bewerten. Für September planen wir den Delegationsbesuch der Bundesbank, u.a. mit dem südafrikanischen Wirtschaftsminister und  dem Besuch verschiedener Investitionsprojekte der Bundesbank in SA.

Bereits am Mittwoch fanden in Südafrika Kommunalwahlen statt, die wir in Soshanguwe, Hammanskraal und Roiwaal (Wahlbezirke nord-westlich von Pretoria) begleiten durften. Begleiten bedeutet in dieser Hinsicht, dass man verschiedene Wahllokale besucht und mit Wahlbüro-Leitern, Polizei und der lokalen Bevölkerung spricht: Läuft die Wahl fair ab? Gab es bisher Ausschreitungen? Werden Wahlberechtigte von Nicht-Wahlberechtigten unterschieden und gbf. vermerkt? Wie organisieren sich die Parteimitglieder vor Ort (generell unterscheidet man zwischen drei großen Parteien: African National Congress (ANC), DA (Democratic Alliance) und EFF (Economic Freedom Fighters)? Offizielle Wahlbeobachtung im Hinblick auf Korruption, Verfälschung etc. dürfen wir als diplomatische Vertreter der Botschaft nicht leisten.

Wenn auch teilweise unkonventionell verliefen die Wahlen aus meiner Sicht größtenteils demokratisch und geheim, wie sie das in großen Teilen Europas auch tun. Gute Organisation und entspannte Stimmung, Polizeipräsenz, ausreichend Wahlhelfer sowie solide bis gute Wahlbeteiligung. Dieser Zustand ist, gerade wenn die farbige auf die weiße Bevölkerung trifft, nicht immer gegeben. Mit townships, wie man sie fernab von diplomatischen Vierteln und gesicherten Innenstädten in 80% Südafrikas vorfindet, kommen Einwohner im europäischen Raum nicht ansatzweise in Kontakt. Der häufig genutzte Begriff der „Blechhütten“ beschreibt nicht annähernd das, was man vor Ort vorfindet. Definitiv eines  -der-  traurigsten und einprägsamsten Erlebnisse …

Um schnellst-möglich Wahlergebnisse aus erster Hand zu bekommen, fuhr ich am heutigen Donnerstag mit dem Referatsleiter der Politik-Abteilung, unserem Pressevertreter und dem Botschafter zur nationalen Stimmenauszählung des IEC (Independent Electoral Commission). Dabei suchte der ranghöchste Regierungsvertreter den Kontakt mit Spitzenpolitikern und Parteifunktionären und ließ sich zudem von verschiedenen nationalen Medien interviewen.


Zum Leben in Pretoria

Wetter Der Frühling kommt! 24, 25 Grad, Sonne und scheinbar scheint das südafrikanische Klima das Wort „Wolke“ nicht zu kennen. Jedoch kühlt es sich gerade am Abend auf spürbare fünf bis sechs Grad ab. Heizungen besitzt der Großteil der Südafrikaner nicht … und die arme Bevölkerung in den Außenbezirken schon gar nicht.

Wohnen Jedes Haus ist gesichert wie eine Botschaft, wirklich jedes. Drei Meter hohe Wände, Stromzäune und Gitter, die man normalerweise nur mit Gummibärensaft überwinden kann. Das Leben ist nur in sogenannten Sicherheitscompounds mit „neighbourhood watch“  und „community patrols“ möglich. Zudem besitzen fast alle Häuser einen großen Garten mit Pool, mehrere Grillplätze (Südafrikaner bestehen auf den Afrikaans-Ausdruck „Braai“= Barbecue-Party) und neben Köchen und Gärtnern auch Handwerker. Unsere Gärtner Issac und Samson verkörpern den südafrikanischen Lebensstil – gut gelaunt, hilfsbereit, musikalisch und kommunikativ – so kann das Blumen-gießen durchaus zwei oder drei Stunden dauern… Neben Gärtnern gibt es auch Putzfrauen, die sogar den Geschirrspüldienst übernehmen. Dies geschieht allerdings immer nur samstags, sodass bei der Kochplanung zu Beginn der Woche häufig schon taktiert wird. : )

You better don’t leave your property! Neu-Angestellte bekommen von Botschaftsmitarbeiter Jörg eine Sicherheitseinweisung, in der über generelle Gefahren im Alltag aufklärt wird. Gefreut habe ich mich, dass man sich auf dem eigenen abgesicherten Grundstück frei bewegen darf … das war es aber auch schon. Mal kurz auf die andere Straßenseite oder zum Supermarkt nach nebenan sollte man tunlichst vermeiden. Einige Praktikanten wurden bereits ausgeraubt und mit Messern bedroht –  zu groß ist die Anzahl der Übergriffe. Der Transport von A nach B erfolgt in den ersten Tagen per Taxi – später mietet man sich einen Mietwagen für einen längeren Zeitraum.

Generell sind auch Taxen nicht sicher. Wir greifen auf den App-Anbieter Uber zurück, der in Europa aktuell noch umstritten ist, da er den öffentlichen Taxifahrern die Kunden vor der Nase wegschnappt. Man öffnet die gleichnamige Handy-App, schaltet am Smartphone das GPS ein, gibt den Zielort an und innerhalb von drei bis vier Minuten steht das Taxi vor der Tür. Die Abrechnung erfolgt bargeldlos per Kreditkarte. Diese Uber- Taxianbieter sind ebenfalls öffentliche Fahrer, die sich aber darin unterscheiden, dass in der App Kreditkarten, Passnummern und Bewertungen hinterlegt sind und jede zurückgelegte Strecke getracked werden kann. Die Sicherheit ist gewährleistet, da die Berechnung der Strecke über den Anbieter erfolgt, nicht etwa vom Fahrer, und Bargeld nicht geklaut werden kann.

Infrastruktur Wer Strom braucht, der kauft an der Tankstelle Stromkarten. Die Codes gibt man dann in ein Lesegerät ein um den Strom freizuschalten. Was die Südafrikaner allerdings nicht bedacht haben … zum Eingeben des Codes benötigt das Lesegerät ebenfalls Strom! Den ersten stromfreien Sonntag habe ich bereits hinter mir.


Alltags-Erfahrungen

Ganz sicher not-german-engineering  Mitbewohnerin Jocy aus Kamerun hatte sich ausgesperrt. Da die Vermieterin nicht erreichbar war und Jocy unruhig wurde, bestellte sie kurzer Hand Gärtner Issac vom Blumenbeet, um die Tür zu öffnen. Zweitschlüssel, Kreditkarte oder Dietrich? Scheinbar nicht. Hammer, Brecheisen und zwei Fußtritte. Immerhin: Die Tür ist offen und wird sich auch nie wieder verschließen lassen.

African Spirit im Supermarkt  Gelassenheit und Lebensfreude a la „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ erlebt man nicht nur im eigenen Garten. Wer Gewürze oder Kekse in der Lebensmittelabteilung sucht, der kann oft lange suchen – manchmal steht die Pasta auch zwischen Badreiniger und Hygieneartikel. Singendes und tanzendes Personal ist mir im Aldi bisher noch nicht begegnet. Eine willkommene Abwechslung zur gut durchplanten daily german routine.

Nebenjobs zum Studium?  Sind hier aus westlicher Sicht bei einem durchschnittlichen Stundenlohn von 13 Rand (circa 85 Cent) leider sehr unattraktiv. Bei 3 bis 4 Euro für eine wirklich leckere große Pizza gibt man gerne mal den doppelten Preis oder lädt die Kollegen zum lunch ein.


Über Kommentare, An- oder Bemerkungen freue ich mich immer sehr, schickt daher gerne eine Email an marius.knickenberg@gmail.com.