Gran Canaria – ein guter Ort für digitale Nomaden und Telearbeit?

 

Las Palmas – ehrlich gesagt hätte ich im März 2020 nicht gedacht, dass zwischen der Veröffentlichung des letzten Beitrags zum Leben in Uganda und dem Verfassen des darauffolgenden Beitrags ein ganzes Jahr vergehen würde. Ebenso wenig war mir zu jenem Zeitpunkt bewusst, über welche Reise ich berichten würde. In den vergangenen 12 Monaten hat sich vieles verändert – das Leben steht Kopf. Im Alltag ersetzt das Home Office den Arbeitsplatz im Büro, und wöchentliche Meetings werden unter Einhaltung bestimmter Hygiene- und Abstandsregeln vor der Webcam abgehalten. Diese “privilegierte” Möglichkeit zum flexiblen Arbeiten machen sich vor allem digitale Nomaden zu Nutze. Das sind Menschen, die häufig den Standort wechseln, um online ihrer Arbeit nachzugehen. Dabei ist man nicht nur an einen Ort gebunden. In diesem Zusammenhang haben es die beiden Hauptstädte der kanarischen Inseln, Santa Cruz de Tenerife und Las Palmas, auf die Referenzliste der Plattform nomadlist.com geschafft, die die besten Orte für digitale Nomaden listet. Berücksichtigt werden hierfür unter anderem Aspekte wie Internet-Infrastruktur, Verfügbarkeit von Coworking Spaces und Mietwohn-Angeboten, wie auch die Erreichbarkeit mit dem Flugzeug. Die beiden Hauptstädte der Kanaren können bei diesen Aspekten ordentlich punkten.

Wir entscheiden uns nach ausführlicher Recherche und Abwägen aller Reiseargumente für einen mehrwöchigen Aufenthalt in Las Palmas auf Gran Canaria. Die Kanarischen Inseln bestehen neben Gran Canaria aus sieben weiteren bewohnten Inseln und gehören geologisch zu Afrika und politisch zu Spanien. Aufgrund der Zugehörigkeit zum europäischen Schengen-Raum ist die Einreise grundsätzlich von allen größeren deutschen Flughäfen möglich. In Folge der derzeit eingeschränkten Reisemöglichkeiten steht aktuell jedoch nur eine Handvoll Flughäfen zur Verfügung. Ebenso ist bei der Einreise ein negativer PCR-Test vorzulegen. Trotz einer generellen Maskenpflicht in der Öffentlichkeit hat der Einzelhandel im Januar uneingeschränkt geöffnet, das gilt ebenso für Friseure, Gastronomie-Betriebe und Bekleidungsgeschäfte. Hierfür orientiert sich die autonome Regionalregierung an einem Stufensystem, das in Abhängigkeit der Inzidenz-Zahl mit mehr bzw. weniger Einschränkungen einhergeht. Die gängigen Hygiene- und Abstands-Maßnahmen werden unserem Vernehmen nach sehr ernst genommen; Das liegt vermutlich auch daran, dass das spanische Festland von der ersten Corona-Welle im vergangenen Frühjahr besonders hart getroffen wurde. Wir beziehen am Reisetag unsere Mietwohnung und freuen uns über die angenehm-sommerlichen Temperaturen und die neue, abwechslungsreiche Umgebung.

Wir beginnen den nächsten Tag mit einer ausgiebigen Erkundungstour und halten die Augen dabei nach Internet-Cafés und Bibliotheken offen. Den Surferstrand Playa de Las Canteras und die “lebhafte” Strandpromenade wollen wir von nun an meiden – zu laut und touristisch. Wir passieren die zahlreichen kleinen Seitenstraßen und genießen das öffentliche Leben, auf das wir in den vergangenen Wochen in Deutschland weitestgehend verzichtet haben. Insbesondere die vielen kleinen Außen-Cafés (€1,20 für Cortado & Cappuccino) und Tapas-Läden vermitteln den Eindruck von Normalität. Wir verdrücken das ein oder andere bocadillo und beobachten das rege Treiben, das sich gänzlich von der “normalen” Hauptreisezeit zu unterscheiden scheint. Auf der Suche nach einem geeigneten, mobilen Arbeitsplatz erreichen wir das Einkaufszentrum “El Muelle” im Stadtteil La Isleta. Hier finden wir alles was wir brauchen: überdachte Außencafés, schnelles Internet und der Blick auf den Hafen Puerto De La Luz. Trotz touristischer Einschränkungen beschatten wir einige AIDA-Kreuzfahrt-Passagiere beim Einschiffen.


Jakobsweg “Camino de Santiago” de Gran Canaria – einer der schönsten Naturwanderwege der Insel. Wir haben mittlerweile zwei Wochen auf Gran Canaria verbracht und uns an die Maskenpflicht, den Alltag und die klimatischen Bedingungen gewöhnt. Wir entschließen uns an diesem Wochenende für eine ausführliche Zwei-Tageswanderung über 48 Kilometer. Wir folgen der Empfehlung der Tourismusbehörde und entscheiden uns für eine Wanderung von Süden nach Norden. Der öffentliche Bus bringt uns hierfür zunächst in 1,5h von Las Palmas nach San Bartolomé de Tirajana – dem Ausgangspunkt unserer Route. Am nächsten Morgen starten wir früh und passieren zunächst die Kiefernwälder von Llanos de la Paz. Die gelb leuchtende Jakobsmuschel mit Pfeil, die uns die nächsten zwei Tage auf dem richtigen Pfad halten soll, verlieren wir direkt zu Beginn aus den Augen. Stattdessen verlassen wir uns auf die digitale Outdooractive-Karte, über die wir per GPS unseren aktuellen Standort überprüfen und gleichzeitig das Höhenprofil voraussehen können.

Wir legen in den nächsten Stunden knapp 1.000 Höhenmeter zurück und genießen den Blick auf das Wahrzeichen Gran Canarias – den Roque Nublo. Gemeinsam mit dem Pico de las Nieves (1.949m) bildet er den höchsten Punkt der Insel. Für die Übernachtung in der Finca la Isa in Cruz de Tejeda müssen wir zunächst unseren negativen Corona-Test vorlegen. Wir genießen die Naturdusche und den beeindruckenden Bergblick und bekämpfen den aufkommenden Sonnenstich mit eiskaltem Cerveza Tropical. Gut erholt, gesättigt und mit neuen Wasservorräten treten wir am nächsten Tag den mit 30 Kilometern längsten Abschnitt unserer Wanderung an. Wir genießen die klare Luft, den Blick auf die am Horizont liegende Nachbarinsel Teneriffa, passieren abgeschiedene Bergdörfer und führen im Sinne des Heiligen Santiago das ein oder andere tiefgründigere Pilger-Gespräch. Nach einem knapp vierstündigen, kontinuierlichen Abstieg nähern wir uns wieder der Zivilisation und erreichen unser Etappenziel – die Wallfahrtskirche Parroquia de Santiago Apóstol in Gáldar.


Wusstet ihr, dass in Europa Kaffee angebaut wird? Im nord-westlich gelegenen Agaete-Tal liegen die einzigen Kaffeeplantagen Europas. Hier gibt es noch knapp 30 Kaffeebauern, die ihre Sträucher mit großer Hingabe pflegen und darüber hinaus tropische Früchte wie Papayas, Mangos und Grapefruits anpflanzen. Im Tal selbst wird seit dem 19. Jahrhundert auf 200 Metern über dem Meeresspiegel Kaffee der Sorte Arabica Tipica angebaut. Die klimatisch günstigen Wetterbedingungen und konstant zweistelligen Temperaturen bieten optimale Bedingungen für den sonst so empfindlichen und wählerischen Kaffeestrauch. Die Finca Los Castaños im Valle de Agaete ist die einzige Plantage, die umfangreiche Touren in englischer und spanischer Sprache anbietet. Die rund 90-minütige Kaffee-Tour mit anschließender Verkostung kann spontan gebucht werden und kostet 8 Euro pro Person. Spaß und jede Menge kanarisches Temperament eingeschlossen.

Der Produktionsprozess ist aufwendig: Die kleinen Kaffeekirschen werden zwischen März und Juni per Hand gepflückt und auf sogenannten afrikanischen Betten für 20 bis 30 Tage getrocknet. Dabei müssen die Früchte regelmäßig gewendet und von der Sonne ferngehalten werden, damit sie weder schimmeln noch zu schnell trocknen. Im Anschluss werden die grünen Kaffeebohnen mit Hilfe einer Maschine von ihrer Hülle befreit und für vier bis sechs Monate gelagert. Die Röstung des Kaffees stellt den letzten Schritt dar, der wie alle anderen Prozesse ebenfalls nach ökologischen Standards und per Hand durchgeführt wird. Ein Röstvorgang dauert dabei knapp 15 Minuten. Aus sieben Kilogramm Kaffeefrüchten entsteht noch ein Kilogramm Rohbohnen, wovon nach dem Röstvorgang wiederum nur 700 Gramm überbleiben – also etwa ein Zehntel der ursprünglich per Hand geernteten Menge. Diesen unfassbar aufwendigen Prozess lässt sich Chef Antonio gut bezahlen – 250 Gramm Café de Agaete kosten um die 25 Euro.


Nicht jeder mag Kaffee und Bewegung: Wer vermehrt auf der Suche nach Sonne, Strand und Meer ist und passiv urlauben möchte, dem seien die überwiegend mit deutschen und britischen Touristen besetzten Bars, Cafés und Restaurants im Süden Gran Canarias empfohlen. Während sich am Playa del Inglés ein Hotel-Betonklotz an den anderen reiht und das Nachtleben in Corona-fernen Zeiten in den Clubs und Discotheken stattfindet, verbreiten die Dünen von Maspalomas ein beruhigendes Sahara-Flair. Wir fragen uns nicht zu Unrecht wo die Dünen herkommen, denn mit Sahara-Sand haben die hohen Sandbänke nichts zu tun … 60% des Sandes wurde durch das Absinken des Meeresspiegels herangetragen, der Rest entstand durch die Zersetzung des Vulkangesteins aus dem Inselinneren. Wie gut besucht diese Orte zu normalen Hauptreisezeiten sind, möchten wir uns an diesem Tag lieber nicht vorstellen. Unweit vom Playa del Inglés befinden sich mit Puerto Rico und Playa de Mogán zwei weitere, sehr beliebte Ziele für Tagestouristen. Puerto de Mogán ist wegen seiner zahlreichen Wasserkanäle und Brücken auch als kleines Venedig bekannt. Aufgrund der idealen Bedingungen für alle möglichen Wasser-Aktivitäten ist der Strand auch an unserem Besuchstag sehr gut gefüllt. Wir meiden den Besucher-Trubel und besuchen lediglich die überdurchschnittlich bewertete Gelatomania.

Ist Gran Canaria ein guter Ort für digitale Nomaden und Telearbeit? Die Insel bringt alle Voraussetzungen mit, die digitale Arbeit verlangt: Schnelles Internet, Arbeitsmöglichkeiten, Rückzugsorte und moderate Lebenshaltungskosten. Wer den bei Touristen beliebten sonnenreichen Süden meidet und die Zelte stattdessen im gut vernetzten Norden nahe der Hauptstadt Las Palmas aufschlägt, dürfte alle notwendigen Grundvoraussetzungen vorfinden. Neben der Arbeit sollte das private Leben mittelfristig nicht zu kurz kommen. Auch hier bietet die Insel überzeugende Argumente: 365 Tage Sonne, Strände und Wüste, hohe Berge und fruchtbare Täler, luxuriöse Hotels und gemütliche und authentische Unterkünfte, sowie Wassersport und kulinarische Vielfalt – nur einige Gründe, warum der nächste Arbeits-Urlaubs-Aufenthalt nach Gran Canaria verlegt werden könnte.


Über Kommentare, Anmerkungen und Tipps freue ich mich immer sehr, schickt daher gerne eine Email an info@globaltravelling.de.

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