Georgisch-russische Beziehungen und die militärische Heerstraße nach Gudauri

Erinnert an bessere Zeiten: Georgisch-russisches Freundschaftsmonument

 

Stepanzminda – Unser heutiges Ausflugsziel liegt bereits vor der Abfahrt in Sichtweite, obwohl sich der Mount Kasbek rund 150 Kilometer von Tiflis entfernt im Großen Kaukasus-Gebirge befindet. Bei klaren Witterungsbedingungen ist die Spitze des dritthöchsten Berges des Landes bereits aus der Hauptstadt zu erkennen. Wir verlassen Tiflis gegen 10 Uhr und steuern den Great Military Highway an, der Georgien und Russland miteinander verbindet und auf ein über 2000-jähriges Bestehen zurückblickt: Im zweiten Weltkrieg haben sich hier deutsche und russische Soldaten gegenüber gestanden. Wir stoppen am Denkmal der Freundschaft zwischen Georgien und Russland – einem Monument mit buntem Innenleben, an dem sich viele Touristen und Straßenhändler tummeln. In Anbetracht der heutigen politischen Lage ist es grotesk, dass das Denkmal noch nicht abgerissen wurde (viel mehr soll es zeitnah restauriert werden). Es stammt aus dem Jahr 1983 und erinnert an eine Zeit, in der sich das frühere Georgien unter den Schutz des russischen Kaiserreiches stellte.

Seitdem hat sich viel verändert: Der ehemalige Beschützer ist zum Gefährder geworden. Nach dem Zerfall der Sowjetunion versuchten die ersten beiden Präsidenten Georgiens, die Unabhängigkeit zu behaupten und sich dem russischen Einfluss zu entziehen. Russland hingegen versuchte die Kaukasusstaaten im Rahmen der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), der heute unter anderem Belarus, Armenien und Aserbaidschan angehören, wieder an sich zu binden. Georgien verweigerte den Beitritt, um eine Neuauflage der Sowjetunion zu vermeiden. Eine wichtige Rolle spielen hier die beiden georgischen Provinzen Südossetien und Abchasien, die während der Zeit der Sowjetunion über eigene Autonomiegebiete verfügten. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR fürchteten diese Provinzen den Verlust ihres Autonomiestatus und unternahmen Schritte, sich vom pro-westlich eingestellten Georgien loszulösen.

2008 eskalierte dann der lange schwelende Konflikt um die georgische Provinz Südossetien. Zunächst sendete Georgien eigene Truppen in die Provinz, um die Kontrolle zurückzugewinnen und die andauernden Unabhängigkeitsbestrebungen niederzuschlagen. Daraufhin kündigte Russland Vergeltung und eine Militäroffensive an, um die russischen Staatsbürger in der georgischen Provinz zu beschützen. Mit dem russischen Einmarsch in Georgien und dem Beginn des 5-tägigen Kaukasus-Krieg 2008 enden die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten. Der Südkaukasus-Konflikt belastet die Beziehungen noch heute. Georgien strebt eine NATO- und EU-Mitgliedschaft an, beharrt auf seine territoriale Integrität und strebt eine Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen mit Russland an – Russland stationiert auch weiterhin Soldaten in den auf russischer Seite als eigenständig anerkannten Provinzen Südossetien und Abchasien und lehnt eine Annäherung ab. Selten war Geschichte so aktuell wie heute …


Wir verlassen das Friendship Monument entlang der Heerstraße und wundern uns über den mit LKWs vollbesetzten rechten Fahrstreifen, der uns über 20, 25, 30 Kilometer begleitet. Es sind nicht Hunderte, sonderlich tatsächlich über tausend Lastkraftfahrer, die hier auf der Straße von Tiflis nach Norden aufgereiht darauf warten, der russischen Grenze näher zu kommen. Aufgrund der geografischen Lage ist Georgien das wichtigste Transitland in der Region, das die Länder Zentralasiens mit Europa verbindet. Der Abschnitt zwischen Tiflis und dem Kontrollpunkt Werchnij Lars an der russischen Grenze ist heute die einzige Landstraße, über die Armenien, Aserbaidschan und die Türkei erreicht werden können. Aufgrund der Lawinengefahr und des schlechten Wetters ist der Verkehr im Winter jedoch oft gesperrt und der Transitverkehr unterbrochen. Ausweichrouten gibt es derzeit nicht – die Passagen in den abtrünnigen Gebieten Abchasien und Südossetien sind aufgrund des Konflikts seit langer Zeit geschlossen. Entlastung soll ein neues Mega-Projekt unter chinesischer Bauaufsicht schaffen – eine 23 Kilometer lange, asphaltierte Parallelstraße mit sechs Brücken und fünf Tunneln. Dazu wurde neben chinesischen Arbeitern die größte Tunnelbohr-Maschine der Welt aus China importiert.

Wir erreichen schließlich Stepanzminda und die in Georgien-Reiseführern viel beschriebene Gergetis Sameba, die georgisch-orthodoxe Gergetier Dreifaltigkeitskirche. Über die Entstehungsgeschichte und die verschiedenen Ornamente herrscht Uneinigkeit; Der Bau dürfte jedoch auf das 14. Jahrhundert zurückzuführen sein. Die Kirche liegt in den Bergen und ist wegen ihrer wunderbaren Aussicht ein beliebtes Ausflugsziel – ganz sicher zählt sie zu den bekanntesten Bildmotiven im Land. Das eröffnet neue Geschäftsmodelle. Während die ländlichen Gebiete abseits der Hauptstadt wenig Einkommensmöglichkeiten bieten, spült der Tourismus hier in der Region Gudauri gutes Geld in die Kassen. Die ausgebaute Bergstraße zur Kirche sperren die Bewohner kurzerhand selbst ab und eröffnen eine steile Parallelroute, die nur mit ihren eigenen, speziell-umgebauten Fahrzeugen passierbar ist. Wir freuen uns über dieses kreative wie auch fragwürdige Geschäftsmodell – schließlich ist der finanzielle Aufwand für Auf- und Abfahrt mit 15 georgischen Lari (etwa 4 Euro) überschaubar. Allrad-Abenteuer und toller Ausblick inklusive.


Die Heimreise treten wir am frühen Nachittag an, um Tiflis mit dem Eintreffen der Dunkelheit zu erreichen. Die LKWs sind in den vergangenen Stunden nur einige wenige Meter vorangekommen – manche Fahrer unterhalten sich am Straßenrand, spielen Karten und trinken Chacha. Am Georgisch-russischen Freundschafts-Monument herrscht noch immer reges Treiben. Einige Touristen entscheiden sich für Quad- oder Paragliding-Touren, die sich bei den heutigen klaren und windruhigen Bedingungen und der Szenerie der Berge definitiv anbieten. Auch horse-riding scheint hier beliebt zu sein. Wir halten an einem der zahlreichen Honig-Stände zu einem spontanen honey tasting. Der Anbau wird mit EU-Hilfe landesweit gefördert – schließlich kann die EU ihren Honig-Bedarf nur zu knapp zwei Dritteln selbst decken und ist auf Importe aus der Ukraine und Georgien angewiesen. Unser Abendessen fällt dann typisch georgisch aus: Khinkali sind in Salzwasser gegarte, gefüllte Teigtaschen und die Spezialität schlechthin. Sie werden mit der Hand vom „Hut“ gegessen. Dafür beißt man ein Stück Teig ab, trinkt den Saft aus der Tasche, und isst den Rest. Am Ende der Mahlzeit wird dann gerne gezählt, wie viele Teigtaschen jeder verdrückt hat.


Über Kommentare, Anmerkungen und Tipps freue ich mich immer sehr, schickt daher gerne eine Email an info@globaltravelling.de.

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Eine Antwort

  1. Lika sagt:

    Das sind ja wirklich spannende Einblicke und tolle Bilder. Dankeschön 🙂

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