Abstecher ins georgische Hinterland – über den Abano Pass ins urtümliche Tuschetien

Für Tuschetien übliche Wehrtürme in Upper Omalo
Für Tuschetien übliche Wehrtürme in Upper Omalo

 

Tuschetien – Diese weitläufige und einzigartige Region liegt im Nordosten Georgiens, an der Grenze zu Dagestan und Tschetschenien. Eingebettet in den Kaukasus ist Tuschetien ein ungezähmtes und vom Rest des Landes abgeschnittenes Gebiet, das bis vor einigen Jahren lediglich von Schaf- und Kuhhirten bewohnt wurde. Diese Bauern bestritten ihren kargen Broterwerb mit der traditionellen Herstellung von Erzeugnissen aus ihrer Schafzucht. Tuschetischer Käse und tuschetische Wolle waren bis weit über die Grenzen Georgiens hinaus als Qualitätsware bekannt und wurden in die Sowjetunion und nach Europa exportiert. Mittlerweile trägt der Tourismus nicht unwesentlich zum Lebensunterhalt der verbliebenen Familien bei. Tuschetien ist eine der faszinierendsten und ursprünglichsten Hochgebirgsregionen in Georgien und wahrscheinlich auch in Europa. Die einzige befahrbare Passstraße, der Abano Pass, zählt zu den gefährlichsten Routen überhaupt und ist lediglich in den warmen Sommermonaten zwischen Mai und November befahrbar.

Als wir aufbrechen ist es bereits Ende Oktober. Während die Mehrheit der wenigen Tour-Anbieter die Saison bereits beendet hat, buchen wir über „Tushetiland“ einen ortskundigen Fahrer mit Allrad-Auto, der uns seine Heimat in den kommenden drei Tagen näherbringen soll. Aufgrund der zu dieser Jahreszeit bereits unbeständigen Witterungsbedingungen erhalten wir erst zwei Tage vor Abfahrt die finale Bestätigung, dass die Region erreichbar und die Route befahrbar ist. Der Abano Pass ist in Folge von regelmäßigen Erdrutschen und Straßenarbeiten mehrmals im Herbst gesperrt. Obwohl es nur knapp 100 Kilometer von Tiflis sind, fühlt sich die Anfahrt wie eine kleine Weltreise an. Die knapp vierstündige Auffahrt ist von ständigen Stopps bestimmt. Ständig muss unser Fahrer Schafherden ausweichen, Schlaglöcher und kleinere Flüsse umfahren und den Gegenverkehr passieren lassen – zahlreiche Kreuze am Straßenrand lassen erahnen, dass die Auf- bzw. Abfahrt nicht immer gut ausgeht. Kurz vor dem Peak bei fast 3.000 Meter lassen wir mit der Region Kachetien auch die nebelig-graue Wolkendecke hinter uns – wir sind nun in Tuschetien, hier scheint auf einmal die Sonne.


Friedlich und natur-belassen – wie Österreich vor 50 Jahren. Ob die Zeit hier stehen geblieben ist? Wir kommen spät am Abend im Verwaltungszentrum Omalo an, dass von allen zehn Dörfern das lebendigste ist. Bei einer traditionellen georgischen Supra beschäftigen wir uns mit der stolzen, durch viele Generationen geprägten Geschichte unserer Gastgeber. Demnach haben die Tuschen die georgischen Könige über Jahrhunderte militärisch unterstützt und sich als wagemutige Kämpfer hohes Ansehen erarbeitet. Als Dank für ihren Widerstand gegen die Perser schenkte ihnen König Lewan das heutige Landstück. In Folge nahmen die Tuschen das Christentum an, um ihre wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen mit dem übrigen Georgien zu stärken. Heute gibt es in ganz Tuschetien noch eine Kirche, und verschiedene Heiligtümer in der Natur, die sogenannten „Chati“, in denen den Naturgöttern verschiedene Opfer dargebracht werden. Da unser Fahrer nach der ausführlichen Supra-Tischrunde kaum in der Lage ist, weiter für uns zu übersetzen, beschließen wir den Abend mit einem Glas Hauswein und Chacha.

Am nächsten Tag starten wir früh und freuen uns über das klare und sonnige Wetter. Von unserem Fahrer fehlt an diesem Morgen jede Spur, und auch die Dorfbewohner lassen sich bisher noch nicht blicken – wir wundern uns nicht weiter und erkunden die Umgebung. Die meisten Dörfer sind lediglich in den Sommermonaten von Mai bis Oktober bewohnt, wenn die Schafhirten ihre Herden auf die Wiesen treiben und die Felder bestellt werden können. Ebenso kommen vereinzelt Stadtbewohner aus der Hauptstadt zurück in ihre Dörfer, um traditionelle Festtage zu begehen und dem hektischen und lauten Treiben in Tiflis zu entfliehen. Auf unserem Rundgang entdecken wir die für die Region charakteristischen, traditionellen Wohnhäuser aus Schiefer, die mit Hilfe der Einnahmen aus dem Tourismus mehr und mehr durch  moderne und großzügige Holzhäuser abgelöst werden. Auch die großen Steintürme ziehen unser Interesse an. Die im 12. und 13. Jahrhundert errichteten Wehrtürme dienten zum einen dazu, eingehende Angriffe mittels Nachrichtenfeuer ins georgische Inland zu melden, und zum anderen der eigenen Bevölkerung Zuflucht und Schutz zu bieten.


Es tut sich etwas – das Dorf wacht auf. Wir nehmen am Frühstückstisch im großen Gemeinschaftsraum Platz und wundern uns nach mittlerweile drei Monaten in Georgien nicht mehr über die üppigen Portionsgrößen – heute gibt es Puri (typisch georgisches Fladenbrot), dazu Honig, Schinken, Käse, Tomaten, Gurken und Rührei, wie eigentlich jeden Tag. Wein trinken wir heute nicht zum Frühstück. Trotz sprachlicher Verständigungsprobleme fühlen wir uns hier gut aufgehoben. Der Umgang ist freundschaftlich, die Atmosphäre familiär. Die Tuschen sind für ihre friedfertige Zurückhaltung, leidenschaftliche Gastfreundschaft und fantastischen Fahrkünste bekannt – eine Fähigkeit, die wir aufgrund der unbefestigten Straßen in den tuschetischen Bergen und des grundsätzlichen Fahrverhaltens der Georgier sehr zu schätzen lernen (Die scheinbar wichtigsten Regeln im georgischen Straßenverkehr lauten: „Überholt werden darf ausschließlich vor Kurven und bei Gegenverkehr“ sowie „Ausgewichen wird frühstens kurz vor Frontalzusammenprall“ …).

Mittlerweile ist auch unser Fahrer wach. Leicht zerknittert und vom Vorabend sichtlich gezeichnet, setzt er sich hinter das Steuer seines Mitsubishi Delica – geschichtliche und kulturelle Hintergründe wird es seinerseits wohl heute nicht geben, daher informieren wir uns während der Fahrt bei stabiler 4G-Verbindung über das Smartphone. Tuschetien ist in vier Gemeinden aufgeteilt. In Pirikita besuchen wir die schönen und sehenswerten Dörfer Dartlo, Parsma, Kvavlo, Dano und Girevi. In Dartlo fühlen wir uns in eine mittelalterliche Zeit zurückversetzt. Die typischen Holzbalkone und schmaler werdenden Wehrtürme sind in den Hang gebaut. Das Festungsdorf Gometsari beherbergt mit Bochorna die höchste permanente Siedlung Europas auf 2.400 Metern Höhe und eine spektakuläre Panoramastraße. Hier verständigen sich die Tuschen noch mit ihrer Fledermaus-lautartigen Sprache – das ist an diesem Tag selbst für unseren Tourguide zu viel. Die verlassenen Wehrtürme passieren wir an diesem Tag immer wieder, zuletzt im georgisch-russischen Grenzgebiet, das weitestgehend menschenleer und naturbelassen ist und nur gelegentlich von Militärpatrouillen besucht wird.


Den Abend lassen wir, wie sollte es anders sein, im Rahmen einer Supra auslaufen. Der Besuch im wilden, authentischen und ursprünglichen Tuschetien hat uns wieder ein Stück näher in den Großen Kaukasus gebracht. Die Tatsache, dass die Bergregion die meiste Zeit des Jahres von der Außenwelt abgeschnitten ist und die Straßen häufig unpassierbar sind, verleiht Tuschetien seinen ganz eigenen Charme. Ein alles in allem spannender Ausflug in eine ungewöhnliche Region geht mit der unbeschadeten Rückkehr in die Hauptstadt Tiflis zu Ende.

Über Kommentare, Anmerkungen und Tipps freue ich mich immer sehr, schickt daher gerne eine Email an info@globaltravelling.de.

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