Toronto multikulturell – kulinarische & künstlerische Kulturmetropole

Toronto ist nicht nur die Stadt mit der größten Einwohnerzahl in Kanada, sondern ebenfalls auch die mit der größten kulturellen und kulinarischen Vielfalt – immerhin die Hälfte der knapp drei Millionen Einwohner wurde außerhalb Kanadas geboren. Alternativen zum englisch-schottisch-walisisch-irischen Kartoffelmatsch mit überbackenem Käse und Bratensoße – die Kanadier nennen ihr Nationalgericht übrigens „Poutine“ – gibt es damit an jeder Ecke: Sechs Chinatowns, ein Koreatown, asiatische Küche aus Vietnam, Thailand, Indien oder Pakistan, zudem ebenso klassisch-griechische Küche, deftige Spezialitäten aus Ungarn und italienische Feinkostläden in „Little Italy“. Neben jeder Menge Kostproben beim wöchentlichen St. Lawrence Food Market, verschiedenen Bauernmärkten wo frische Zutaten aus einheimsichem Anbau angeboten werden, gehobener französischer Küche und hunderten Straßenimbissen – bei über 7.000 Restaurants wird jeder Geschmack bedient. Kulinarisch waren die vier Tage Toronto also wirklich eine gelungene Abwechslung zu amerikanischen Fastfoodketten a la Tim Hortons, A&W, Subways, Five Guys, Harvey’s und co, die uns über die letzte Woche durchs kanadische Hinterland begleitet haben.

Kanada wird in diesem Jahr 150 Jahre alt und ist flächenmäßig 28-mal größer als Deutschland, hat aber dennoch nur halb soviele Einwohner. Dabei nimmt Kanada jährlich etwa 300.000 Einwanderer in sogenannten „Welcome Centres“ auf, tut sich damit also leichter als zahlreiche europäische Staaten. Ein bedeutender Teil dieser Zuwanderer lässt sich nahe der Grenze zu den Vereinigten Staaten in Toronto nieder und sorgt somit dafür, dass Toronto schneller wächst als New York City. Trotz vorhandener kultureller Eigenschaften und Unterschiede scheint es zwischen den knapp 180 Nationen und 140 Sprachen und Dialekten nicht mehr Probleme zu geben als in anderen Städten. Im Gegenteil: Verbrechen und Gewaltdelikte geschehen unverhältnismäßig selten und im Pisa-Ranking, in dem die Kanadier über die vergangenen Jahrzehnte immer unter den ersten Plätzen zu finden waren, überraschen die geringen Leistungsunterschiede zwischen einheimischen und Zuwanderer-Kindern.

Im Gegensatz zu den in Europa häufig verpönten „Schmierereien“ gibt es in Toronto einige große geduldete Graffiti-Viertel, in denen die Menschen von ihren Wünschen, Hoffnungen, Erfahrungen oder Träumen berichten und den Wänden und Mauern so ein Gesicht geben (siehe etwa Graffiti Alley). Am mit Webanzeigen und TV-Bildschirmen gebrandmarkten Dundas (Times) Square geben Feuerspucker, Newcomer-Bands, Akrobaten und Künstler ihr Können zum besten. Die fast 1.900 Kilometer lange Yonge-Street, einst die längste Straße der Welt, lockt als Hauptverkehrsader gerade am frühen Abend Touristen in Pubs und Restaurants. Den CN-Tower verliert man dabei nie aus den Augen: Ein Besuch des 553 Meter hohen Wahrzeichens, das bis 2009 der höchste Fernsehturm der Welt war und mittlerweile von Tokyo (634 Meter) und Guangzhou (610 Meter) auf Platz drei verdrängt wurde, lohnt sich. Aus 346 Metern Höhe kann man sich einen sehr guten Überblick über Toronto, immerhin die Stadt mit den zweitmeisten Hochäusern in Nordamerika, verschaffen und darüber hinaus an guten Tagen bis zu den Niagara Fällen blicken.

Ein solcher Blick bis zu den Niagarafällen wäre für uns ausreichend gewesen, denn der Besuch eben dieser Wasserfälle war letzlich nur wegen der (im voraus recherchierten) geringen Erwartungen keine größere Enttäuschung. Mit dem Bus kommt man komfortabel und günstig in weniger als 1.5 Stunden von Toronto nach Niagara Falls, wo sich die gleichnamigen bekannten Wasserfälle befinden. Die angrenzenden Vereinigten Staaten erreichten wir anschließend zu Fuß  über die Rainbow Bridge, die die kanadische Seite mit den USA verbindet. Niagara Falls selbst erinnert mit dutzenden Fressläden, Fahrgeschäften, Casinos und Hotels on mass eher an einen kleinen, künstlich-aufgeprotzten Las-Vegas-Bruder. Wer das nötige Kleingeld mitbringt kann die Nacht im Hilton oder Sheraton mit Blick auf das Wassser-Spektakel verbringen. Die vielen Betonpfeiler im verschmutzten Niagara River unterstützen nicht unbedingt das Image der Fälle als eingetragener „Naturpark“, zumal die fließende Wassermenge selbst regelmäßig per Knopfdruck gedrosselt und zur Energiegewinnung genutzt wird. Für einen kurzen Abstecher in Ordnung, für die Flitterwochen sicherlich nicht empfehlenswert.


Über Kommentare, Anmerkungen und Tipps freue ich mich immer sehr, schickt daher gerne eine Email an marius.knickenberg@gmail.com.