Vornehm, gepflegt und stilsicher – Boston in Massachusetts

In Boston geht es weniger hektisch zu als in New York City, dennoch erinnern Vielfalt und Dynamik an die vier Stunden südlich-gelegene Millionenmetropole am Hudson River. An Werktagen drängen bis zu vier mal soviele Berufspendler wie Einwohner in die Business-Bezirke der Stadt, weshalb die U-Bahn eindeutig dem Auto vorzuziehen ist. Dennoch: Boston ist Fußgänger- und Fahrradfahrer-freundlich und hat einfach Flair. Ein guter Mix aus entspannter Cafe-, Boutiquen- und Restaurantatmosphäre, dazu großzügige Parkanlagen und ein schöner, neuer Hafen; Die riesigen Wolkenkratzer im Financial District stören das Stadtbild nicht, und die auf dem Beacon Hill gelegenen gut erhaltenen Stadtvillen spiegeln die Finanzkraft der Region wider. Boston ist ohne Frage eine der gefragtesten Adressen in den USA.

Boston hat wirklich für jeden etwas zu bieten. Wer eine großen Karriere in Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft anstrebt, ist mit einem Studium an der renommierten Harvard-University im Stadtteil Cambridge gut beraten. Die Plätze sind allerdings begrenzt und der Bewerbungsprozess aufwendig: 75 Dollar Bewerbungsgebühr, Sprachzertifikate, zwei Schultests, zwei Empfehlungsschreiben von Lehrern/Professoren und ein ausführliches Essay, das weit über das übliche einseitige Motivationsschreiben hinausgeht. Darüber hinaus muss man sowohl Potenzial als auch Visionen haben, von denen die „Welt“ irgendwann einmal profitieren „könnte“. Benötigt werden etwa 60.000 Dollar für Studiengebühren, Lehrmaterial und Lebenshaltungskosten — pro Jahr. Am Ende des Studiums darf man sich dann allerdings mit namenhaften Absolventen wie Mark Zuckerberg, Barack Obama oder Bill Gates messen.

Trotz winterlicher Temperaturen lies die Innenstadt viel Potenzial für die kommenden Sommermonate erkennen. Zahlreiche Sportgruppen nutzten das frühlingshafte Wetter für die ersten Laufeinheiten und die ersten Kioske und Souvenirverkäufer öffneten ihre mobilen Läden. In der Tat: Boston hat etwas Gepflegtes, Vornehmes und Stilsicheres. Keine umweltverschmutzenden Industrieanlagen, viel mehr ausgezeichnete Bildungseinrichtungen, gut ausgebaute Wirtschafts- und Gesundheitswesen und technologisch weltweit führende Unternehmen. Wer die Stadt zu Fuß erkunden möchte kann dies bequem an einem Tag tun, dabei empfiehlt es sich dem gelb-markierten „Freedom Trail“ zu folgen. Hierbei spaziert man durch die Altstadt entlang wichtiger historischer Sehenswürdigkeiten, die beispielsweise während der Amerikanischen Revolution eine wichtige Rolle gespielt haben (State House, House of Commons, King’s Chapel, USS Constitution etc.). Wer das Glück hat seinen Aufenthalt für die Sommermonate planen zu dürfen, kann zudem im Rahmen einer Hafenrundfahrt den Blick auf die Sykline genießen.

Wir entschieden uns an diesem Wochenende die Vor-Playoff-Phase der National Basketball Association mitzunehmen und ein Spiel der Boston Celtics gegen Milwaukee Bucks im TD Garden zu besuchen. Boston selbst steht aktuell an Platz 2 und hat daher gute Chancen auf einen der schwächeren Gegner in den Playoffs. Eine richtige aktive Fanszene während des Spiels, wie man sie etwa im europäischen Fußball erlebt, gibt es dabei nicht; Und Auswärtsfans reisen auf Grund vielfacher Begegnungen pro Saison erst gar nicht mit zum Gegner. Amerikanischer Sport lebt von viel Bling-Bling, Chips und Cola und klassischen Helden-Geschichten. Die Heldenfigur war in diesem Fall ein ehemals taub-stummer älterer Herr, der sich heute mit Lauten verständigen kann und vor Anpfiff die Nationalhymne sang. Dabei stand weniger die Hymne selbst im Vordergrund als die Geschichte des Mannes der eben Diese vortrug. Wenn die Kamera durchs Publikum schwenkte fühlten sich die Zuschauer dazu genötigt hektische Bewegungen zu machen („dabben“ ist der derzeit wohl größte Trend), zu singen oder einfach von den Sitzen zu springen. Der große TV-Würfel über dem Spielfeld forderte die Fans mit einem Dezibel-Messer dazu auf die Lautstärke zu erhöhen. Wem das alles zu viel ist sei geraten, das Spektakel vor dem TV-Bildschirm zu verfolgen – ein bisschen mehr Emotion täte manchen europäischen Sportarten allerdings gar nicht mal schlecht.

Wer auf der Suche nach Ruhe und Erholung ist und dennoch eine der bedeutsamsten amerikanischen Städte besuchen und seine Geschichte erleben möchte, ist mit einem zwei bis drei Tagestrip nach Boston super beraten. Boston ist mehr als nur eine Alternative zum touristischen und abenteuerlichen New York City, das im nächsten Beitrag genauer unter die Lupe genommen wird. Vor unserer „Big Apple“-Reise besuchten wir noch die St. Mary’s-Kirche im Nobelort Newport, wo John F. Kennedy vor nun mehr 54 Jahren heiratete, sowie die Cap Cod-Halbinsel im Südosten Bostons, auf der man an sommerlichen Tagen dem Geschäfts-Alltag der Ostküsten-Metropolen entkommen und ein Bad im Atlantik genießen kann.


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